Caroline Régnard-Mayer: Dialog zwischen mir und dem „Bläschen“

»Darf ich mich vorstellen! Ich heiße Vesica, auch Blase genannt.«

»Hi, mein Name ist Caroline, genannt Caro.«

Skeptisch blicken wir uns an.

»Hast du schon etwas von mir gehört?« fragt mich die Blase.

»Klar, du machst mir schließlich oft genug das Leben schwer!«

»Na, nicht so unfreundlich. Ich habe erzählt bekommen, du hast MS.«

Die nervt mich jetzt schon, denke ich, und unser Gespräch hat noch gar nicht richtig begonnen.

»Soll ich dir etwas mehr von mir erzählen?«

»Es wird mir wohl nichts Anderes übrigbleiben, locker wirst du eh nicht lassen!«, entgegne ich genervt. Ich sollte mich etwas am Riemen reißen.

Ungeniert beginnt sie zu erzählen.

»Ich bin ein Hohlorgan, das dehnbar ist und im Bereich des kleinen Beckens liegt. Ich speichere den Urin und zusammen mit der Harnröhre bilde ich den unteren Harntrakt.«

Na Bravo, denke ich, Histologie hatte ich schon in der MTA-Schule.

»Ich erhalte meine nervalen Reize, also die Reize von Nerven zu den Organen und Geweben des Organismus, durch den Sympathikus und Parasympathikus. Die gehören zum vegetativen Nervensystem. Kannst du mir folgen?«, schaut mich die Blase herausfordernd an.

»Klar, hatte eine Eins in Histologie!«, antworte ich stolz.

»Dann fahre ich fort, du Einser-Kandidatin. Ich sammle den Sekundärharn nach der Nierenpassage und bin in der Lage etwa 500 ml Flüssigkeit zu speichern, doch oft melde ich mich vor dieser Menge mit einem Reiz und schicke meine Besitzer in die Wüste. Eigentlich könnte ich bis zu 900-1500 ml speichern, aber ihr MSler habt es immer so eilig und seid oft ungeduldig.«

»Aber jetzt mach mal halblang, können wir etwas dafür, dass einige oft eine Blasenentzündung oder Blasenentleerungsstörung haben?«, frage ich herausfordernd und funkle mein Gegenüber böse an.

»Eigentlich sollte das ein Spaß sein, aber deine Auffassung von Humor muss einer erstmals verstehen.« Sie streckt mir die Zunge raus.

Haste da Töne, es verschlägt mir die Sprache.

»Damit du und die anderen Betroffenen mich besser verstehen, erkläre ich euch, was für Gründe und Anomalien bei meinen Störungen die Gründe sind.«

Weicher im Ton fährt die Blase fort. »Hast du Probleme mit mir, dann lass dir einen Termin beim Urologen geben. Am besten du führst eine Zeitlang ein Miktions-Tagebuch, in dem du die Häufigkeit des Wasserlassens und welche Symptome du verspürst, z.B. unwillkürlich oder heftiger Harndrang, notierst. Der Arzt wird bei jedem Besuch den Restharn messen und den Urin untersuchen. Denn weise ich Störungen auf, dann brauche ich Hilfe! Oft werden dir dann Medikamente verschrieben, danach fühle ich mich wieder pudelwohl. Auch Beckenbodenübungen liebe ich, da tobe ich mich so richtig aus.«

Ihrem Vortrag folge ich etwas gelangweilt, denn zu diesen Erkenntnissen bin ich schon vor Jahren gelangt. Seit ich die Diagnose vor 11 Jahren erhielt, und die Jahre davor, waren das die ersten von vielen Symptomen. Ernst nahm mich leider keiner der vielen Ärzte die Jahre davor.

»Ich reagiere mit einem Infekt, wenn ich mich nicht ganz entleere. Hier wachsen dann Bakterien, das finde ich richtig eklig.«

Oh Mann, diese Blase kann ja fast „menschlich“ sein, kichere ich vor mich hin.

Böse schaut mich meine Gesprächspartnerin an. Sie fährt in ihren Erklärungen trotzdem fort.

»Auch ein Grund meiner Entleerungsstörungen ist eine Verkrampfung meiner Blasenwand. Und du bekommst es leider zu spüren. Ich scheuche dich häufiger und heftiger zur Toilette, auch nachts, aber ich sammle keinen Restharn. Die Götter in Weiß nennen das Dranginkontinenz oder spastische Blase.«

Die Blase sieht etwas erschöpft aus und nippt an ihrem Tee. Ich nehme einen kräftigen Schluck von meinem Milchkaffee.

»Nun gut, ich werde weiter berichten. Bilde ich Restharn im weiteren Verlauf eurer MS, dann ist mein Zusammenspiel vom Blasenmuskel und Schließmuskel gestört. Bei euch bzw. dir äußert es sich in geringem Harndrang und deine Entleerung ist verzögert, genauer gesagt, der Harnstrahl endet plötzlich, obwohl ich noch nicht entleert bin. Somit sammle ich Restharn, oft erheblich.

Manchmal fühle ich mich schlaff, dann sprechen die Ärzte von mir als eine schlaffe Blase. Hier speichere ich dann größere Mengen an Restharn und löse keinen Harndrang aus. Aber ich gebe spontan Urin ab, wenn du z.B. husten musst oder der Druck auf mich zu groß wird. Hier nennen mich die weißen Götter ´Überlauf-Blase`.

Leider führen beide Störungen bei mir zu Infekten, die ich selbst nicht mag, da dann Bakterien, diese ekligen kleinen Tierchen, mich bevölkern. In dem Fall meiner Störungen wird der Mensch fast rabiat, er katheterisiert mich und dies mehrmals am Tag. Siehst du, ich habe nicht immer so ein schönes Leben wie ihr denkt, denn ich wohne unverschuldet in einem MS-Körper!«

Das ist ja der absolute Hammer, was diese Blasenziege von sich gibt! Hätten wir nicht so ein zart besaitetes Pflänzchen in unserem Körper, müssten wir uns nicht mit all ihren Macken herumschlagen. Wer ist hier wohl der Gelackmeierte!?, schimpfe ich vor mich hin. Aber das will diese Dumpfbacke nicht hören bzw. sie überhört es wissentlich.

»Zu guter Letzt gebe ich dir noch einen Rat. Treten erstmals meine Störungen ein, dann besuche mit mir gemeinsam regelmäßig den Urologen, führe ein Miktionsprotokoll[1], lass meinen Urin im Labor testen und einen Ultraschall durchführen, denn das mag ich so gerne. Die Krönung für mich ist eine urodynamische Untersuchung[2], da kann ich mich so richtig austoben.« Schadenfroh grinst mich die Blase an.

Klar, wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen, sinniere ich vor mich hin.

»Liebe Blase, herzlichen Dank für deine ausführlichen Erläuterungen, aber bitte verschone mich in der nächsten Zeit mit deinen Besuchen. Ich möchte in Ruhe in Urlaub fahren!«

»Das werden wir sehen, liebe Caro. Wenn du brav viel trinkst und abends Socken anziehst, mich nicht unterkühlst, tue ich dir einen Gefallen.« … und Schwups entschwand die Blase meinem Gesichtsfeld!

Na dann, denke ich, ich bin diesem Hohlorgan eh nicht gewachsen! Basta!

Aus meinem Buch „Keine Angst vor der Blase“ – Ein freundlicher Ratgeber über die Allüren der Blase bei MS-Patienten

Caroline Régnard-Mayer

[1]  Erfassen der Flüssigkeitsmenge u.v.m. eines von Harninkontinenz betroffenen Menschen

[2] Blasendruckmessung