Heike Fuehr: HALLO MS

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„MS: 2 Buchstaben, die eine vermeintlich geordnete Welt von heute auf morgen auf den Kopf stellen“. So beschreibt Heike Führ den Tag ihrer Diagnosestellung. Wie sie ihren Alltag mit einer  solch tückischen und bis lang noch unheilbaren Krankheit meistert, beschreibt sie vor allem mit viel Humor und reflektiert in einer gelungenen Mischung aus Problematisierung und  Relativierung. Nie werden die Herausforderungen der Krankheit geleugnet und doch triumphiert immer ihr optimistischer Kampfgeist und zeigt eindrucksvoll und selbstkritisch ihren eigenen Weg der Lebensfreude. Die Autorin weigert sich zu resignieren und erzählt ihre kleinen  Alltagsfreuden, gespickt mit den Unwägbarkeiten, die durch ihre MS-Symptome unweigerlich dabei sind. „Hallo MS“: nicht mehr, nicht weniger. Ein Buch, das Mut macht und Hoffnung weckt, das Anteilnahme authentisch vermittelt, Hilfestellung für den Alltag gibt und sowohl Betroffenen, als auch Angehörigen einen Einblick in die emotionale Verfassung eines chronisch kranken Menschen bietet, Ängste und Sorgen aufzeigt, aber dabei immer nach vorne schaut und niemals vor Selbstmitleid trieft. Kurzweilig und sehr alltagsnah – somit für Jedermann interessant.

Broschiert: 243 Seiten

Verlag: A.S. Rosengarten-Verlag (30. April 2014)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3945015073

Größe und/oder Gewicht: 14,6 x 2,2 x 21,1 cm

Preis: 19,90€

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LESEPROBE:

FRISEUR (2011)

Übrigens: auch MS`ler haben Haare auf dem Kopf, meistens jedenfalls 😉 Und auch MS`ler gehen zum Friseur. Meistens jedenfalls 😉

Ein besonderes Friseur-Erlebnis ist es, sich bei 35°C Außentemperatur ins Auto zu wuchten (anders kann ich das bei mir nicht nennen: Hitze und meine MS schließen sich gegenseitig sozusagen aus, das geht gar nicht!- und laufen wäre zu weit), dann irgendwie beim Friseur ankommen, völlig verschwitzt, völlig fertig und schon ahnend, dass gleich die Fatigue zuschlägt!

Hallo MS!

Natürlich hätte ich den Termin auch absagen können und wahrscheinlich wäre es besser gewesen, aber …! Wie war das mit dem „normalen Alltagsleben“? Ich WILL normal leben. Meistens jedenfalls. J

Hitzewallungen; ok, das können AUCH die Wechseljahre sein..! Plötzliche Schwindelattacke, taube Gliedmaßen: nein, das sind keine Wechseljahresbeschwerden!

Schon erschöpft und mit sehr schweren Beinen steuere ich den Friseursalon an. Aber natürlich sehe ich aus wie das „blühende Leben“ 😉

Meine Hairstylistin weiß von meiner Krankheit nichts, warum auch, ich bin zum ersten Mal in diesem Salon und dort spielt es eigentlich (!) keine Rolle. Heute allerdings doch, aber ich bin tapfer und sage nichts. Wie gut, dass ich  „ach so gesund“ aussehe, also wundert sich auch niemand. Meistens jedenfalls 😉

Hastig ausgesprochene Entschuldigung über mein Schwitzen, ja ja, das Wetter! Die Friseurin schwitzt auch. Danke, ein Trost, und noch dazu ist sie so jung! 😉

Da ich mir diesmal ausnahmsweise einmal Strähnchen machen lassen will, wird es also eine lange schwüle Sitzung im nicht klimatisierten Laden werden. Aber welch Glück ist er nicht klimatisiert, sonst wäre die nächste Erkältung fällig! Und HALLO MS: jede noch so kleine Erkältung kann einen Schub auslösen. Sieht man mir, auf dem bequemen Friseurstuhl sitzend, all diese Gedanken an? Diese Sorgen und Ängste, dieses Hoffen, dass ich nicht umkippe, nicht vom Stuhl falle und womöglich noch die Blondier-Creme stürzend mitreiße und ungewollt im Salon verteile? Nein, ich sehe doch aus wie das „blühende Leben“. Meistens jedenfalls. 😉 Im Moment jedenfalls 😉

Hallo MS!

Ich bekomme kühles Wasser serviert und wedele mit den herrlichen „Klatschzeitschriften“, missbrauche sie als Fächer – und sie eignen sich hervorragend dafür. Welch Wohltat, als die Strähnchen endlich entknotet werden und mein Kopf Richtung Waschbecken gezogen wird. Kühlung in Sicht! Und ja, meine Hairstylistin hat ein Einsehen mit mir und verwendet recht kühles Wasser, aber sie selbst muss ja auch abkühlen; die arme …

Ich wünsche mir sehnlichst eine (unsichtbare) Kühlweste herbei.

Und wie ich es geahnt habe: es überkommt mich eine Fatigue-Attacke: aber, „frau“ darf ja entspannen beim Friseur, „frau“ darf genussvoll die Augen schließen und all die herrlichen

Kopfmassagen und Wohltaten genießen. So wirke ich mal wieder wie das blühende Leben und wie eine Frau, die sich gerade einmal für viel Geld entspannt. Und wie fühle ich mich?

Ich weiß auch aus Erfahrung, dass es gut ist, wenn ich bei solch einem Anfall sitze (besser noch liegen kann) und das war ja dort der Fall. Dann brauche ich, wenn ich viel Glück habe, „einfach“ nur geduldig abwarten, bis es irgendwann „vorbei“ ist. Und meine liebe Friseurin fragt mich während sie mich verhätschelt, ob alles gut sei, ob es mir gut gehe und ich zufrieden mit der Behandlung sei. Ja, sage ich, mir geht es blendend, ich werde ja herrlich verwöhnt.

Sie zweifelt vermutlich nicht an meiner Antwort, denn ich sehe doch auch blühend aus …

Ich bin mir sicher, dass ich diesen heißen Nachmittag, eingepackt in einen „wärmenden“ Friseurumhang und versorgt mit heißer Föhnluft und allem „drumherum“ nur überstanden habe, weil ich mich speziell bei meiner Friseurin so wohl gefühlt habe und mein Wille und Wunsch, wenigstens beim Friseur einmal „normal“ sein zu können, doch sehr mächtig war!

Mit schicker Frisur und durch und durch verwöhnt, jedoch völlig erschöpft, kam ich nach Hause, konnte mich aber nur noch auf die Couch fallen lassen, ungeachtet dessen, dass ich das herrliche Werk zerdrückte und musste Kopfschmerztabletten einnehmen, weil mir all die Fürsorge und mein Fatigue-Anfall zu viel waren.

Hallo MS!

Aber wenigstens sehe ich schick aus, und wie das blühende Leben! Meistens jedenfalls

Heike Führ


 

 

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