Caroline Régnard-Mayer: Medizinische Aspekte der Blase

Unsichtbar, doch wenn es in die Hose geht, sichtbar!

Blasenstörungen – etwa 70 bis 80 % der MS-Erkrankten sind davon betroffen, Formen und Ursachen können sich im Verlauf der Erkrankung ändern.

Leider habe ich nach mehreren Schüben ein Blasen-Abo auf Dauer gebucht. Ich las nicht das Kleingedruckte und kaum dass ich mich versah, saß ich mitten in diesem urologischen Theater! Manch peinliche Situation könnte ich hier erzählen, aber sie können es sich sicher denken, das Unsichtbare wurde sichtbar und die Scham stand mir zu Gesicht. Vor der Wohnungstür oder direkt vor der Toilette zuhause schnaufte ich erleichtert jedes Mal auf, denn die Waschmaschine steht gleich neben der Dusche und der Kleiderschrank befindet sich um die Ecke. Mein Sohn hört schon am Aufschließen der Wohnungstür und meinem schrillen Schreien nach seinem Namen, dass es seine Mama eilig hat bzw. sich in Not befindet. Er lässt alles liegen und fallen, reißt die Badezimmertür auf und ich verschwinde fluchend darin. Er schließt dann die Wohnungstür und sammelt alle Gegenstände auf, die ich auf meinem Fluchtweg fallen gelassen habe. Aber welch Schmach, es passiert draußen! … Bitte um Vorschläge! Denn ich habe nur die Vorschläge Medikamente, Ersatzkleider oder zuhause bleiben.

Bei Blasenstörungen ist der Urologe gefragt, hier sollte am besten ein Miktions-Tagebuch mitgebracht werden, indem die Häufigkeit des Wasserlassens und welche Symptome sie verspüren z.B. unwillkürlich, heftiger Harndrang etc. eingetragen sind. Es ist überhaupt sinnvoll von Beginn an, nach den ersten Beschwerden, regelmäßig den Restharn und den Urin kontrollieren zu lassen.

Kurzfristig zunehmende Blasenbeschwerden be-deuten oft einen Harnwegsinfekt, der am sinnvollsten mit Antibiotika behandelt wird.

Nicht nur während eines Infekts soll der Betroffene viel trinken, auch ansonsten braucht der Mensch Flüssigkeit und sollte 1,5 bis 2 Liter zu sich nehmen. Ich habe bei mir schon oft beobachtet, dass wenn ich wenig trinke, um z.B. im Theater oder Kino nicht auf Toilette zu müssen, das Gleiche passiert ist, als wenn ich den ganzen Tag gleichmäßig verteilt etwas trank. Wenigstens habe ich während der Vorstellung weniger Durst und kann mich besser konzentrieren. Es ist mir mit den Jahren auch nicht mehr peinlich, während der Vorstellung aufzustehen und hinauszugehen. Das Aufschnaufen der anderen überhöre ich, denn das Unsichtbare soll unsichtbar bleiben.

Blasenstörungen müssen unbedingt regelmäßig kontrolliert, oft auch medikamentös, oder mit sonstigen Maßnahmen, behandelt werden, DENN die Folgeerscheinungen sind Rückzug aus dem sozialen und beruflichen Leben. Viele vereinsamen, was nicht sein muss!!

Harnwegsinfekte bilden sich auch oft in einer nicht ganz entleerten Blase, da dies das Wachstum von Bakterien begünstigt. Mit Ultraschalluntersuchungen wird kontrolliert, ob sie zu Restharnbildungen neigen. Diese sind meist zu Beginn sehr gut mit einem speziellen Blasentraining und Beckenbodenübungen bei einer Physiotherapeutin oder mit speziell entwickelten Geräten in einer urologischen Praxis zu erlernen. Diese Therapiegeräte sind Biofeedback-Geräte, die vom Urologen rezeptiert und zuhause angewendet werden. Mindestens zweimal am Tag und über viele Wochen. Bitte sprechen Sie ihren Uro- oder Neurologen daraufhin an.

Ein weiterer Grund der Blasenentleerungsstörungen kann eine Verkrampfung der Blasenwand sein. Es kommt zu häufigerem und heftigerem Harndrang, mehrmals nachts, aber zu keinem Restharn, und man nennt diese Art auch Dranginkontinenz (spastische Blase).

Als Therapie zur Erhöhung der Blasenkapazität kommen Anticholinerge Medikamente z.B. Trospiumchlorid (Spasmex) in Frage, Kondom-Urinal (für Männer) und Inkontinenzeinlagen (für Frauen), Nasenspray (Desmopressin) zur Nacht oder bei wichtigen Terminen, Blasentraining, regelmäßiger Toilettengang, Zeitabstände des Toilettengangs langsam erhöhen und Beckenbodengymnastik in Frage.

Sprechen Sie bitte ausführlich über diese Themen und Behandlungsmöglichkeiten mit ihrem Urologen, meine Ausführungen bedeuten erste Informationen und ersetzen keinen Arztbesuch! Kommen Medikamente ins Spiel, ist der Fachmann gefragt, egal um welche Symptome es sich bei der Multiplen Sklerose handelt.

Viele Betroffene haben sicher, ebenso wie ich, schon vieles ausprobiert und ihre Therapiemöglichkeiten gefunden. Denn es gibt nichts Peinlicheres, als wenn es „in die Hose geht“.

Im weiteren Verlauf einer Blasenfunktionsstörung kann es auch zu Restharnbildung kommen wenn das Zusammenspiel von Blasenmuskel und (innerem oder äußerem) Schließmuskel gestört ist, sogenannte DSD-Blase (Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie). Man verspürt nur geringen Harndrang und die Blasen-entleerung ist verzögert bzw. der Harnstrahl endet plötzlich, obwohl die Blase noch nicht entleert ist. Es kann zu erheblichem Restharn kommen.

Ähnlich verhält es sich bei der sogenannten schlaffen Blase. Hier ist die Restharnmenge bei schlaffer Blasenwand groß und es besteht kein Harndrang. Der Urinabgang ist spontan bei einer Erhöhung des Blasendrucks z.B. beim Husten, oder bei Druck auf die Blase. Deswegen spricht man auch von einer „Überlauf-Blase“.

Beide Arten von Blasenstörungen können Blasen-infekte durch Restharnbildung verursachen. Hier werden mehrfach tägliches Katheterisieren (Einmalkatheter) durchgeführt.

 

(Artikel aus meinem Buch „Keine Angst vor der Blase)

Caroline Régnard-Mayer

Literatur:

„Symptomatische Therapie bei MS“ (2009) zu bestellen unter www.dmsg.de

„Basiswissen zu Multipler Sklerose“ (2006) zu bestellen unter www.dmsg.de

„MS-Blase und Darm unterstützen“ www.biogenidec.de  oder evtl. ihrer MS-Schwester

Fachzeitschrift „Perspektiven“ zu bestellen unter www.coloplast.de